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"Gewerbeangelegenheiten"
stand auf dem Hinweisschild.
Hocherfreut, dass ich auf Anhieb im richtigen Gebäude gelandet war, betrat ich
die Eingangshalle der Stadtverwaltung, um mich an der Rezeption nach der
Zimmernummer für die Ausgabe von Gewerbescheinen zu erkundigen.
„Gewerbeschein?”, die junge Dame hinter der Panzerglasscheibe sah mich an, als
hätte sie das Wort noch nie gehört.
„Hier bin ich doch richtig beim Amt für Gewerbeangelegenheiten, oder?”, fragte
ich unsicher.
„Ja, schon, aber Gewerbescheine gibt es nicht hier, sondern in einem anderen
Verwaltungsgebäude.”
„Ach? Es gibt noch ein zweites Amt für Gewerbeangelegenheiten?”
„Nein, nur ein Auslagerungsbüro in der Kreiselstraße 118, dort werden
Gewerbescheine ausgestellt.”
Ich hatte es eilig, verdrängte die eine oder andere aufsteigende Frage, und
machte mich mit meinem Pkw auf die Suche nach dem Auslagerungsbüro für
Gewerbescheine. Etwa einen Kilometer entfernt wurde ich fündig. Das Büro lag an
der Hauptstraße ohne Parkmöglichkeit. So kreiste ich um die Altstadt, fand einen
der letzten freien Parkplätze und machte mich zu Fuß zurück zum
Auslagerungsbüro.
„Guten Tag, ich möchte gern einen Gewerbeschein beantragen.”
„Ja, was für ein Gewerbe wollen Sie denn ausüben?” fragte mich die junge Beamtin
ohne von ihrer Tastatur aufzublicken.
Ich begann brav mein Anliegen vorzutragen, doch ehe ich mit meinen Ausführungen
zum Ende gekommen war, unterbrach sie mich und erkundigte sich in gelangweilter
Stimmlage nach meiner Baugenehmigung.
„Nein, nein, ich will nicht bauen, die Räume sind bereits vorhanden und werden
auch nicht verändert, mir fehlt nur der Gewerbeschein”, antwortete ich
augenzwinkernd.
„Trotzdem brauchen Sie eine Baugenehmigung vom Planungsamt!”, belehrte mich das
junge Ding in gereiztem Tonfall.
„Ach, ich brauche eine Baugenehmigung, obwohl ich gar nicht bauen will?” Ich
heuchelte freundliches Erstaunen obwohl ich ärgerlich wurde.
„Ja natürlich! Eine Baugenehmigung und eine Nutzungsänderungsgenehmigung”,
klärte sie mich auf. Ich spürte Ungeduld in mir aufsteigen. Nach meinen
bisherigen Erfahrungen dauerte die Beantragung eines Gewerbescheines höchstens
fünfzehn Minuten und die Papiere waren ausgefüllt, abgestempelt und genehmigt.
“Nun gut.”, sagte ich ergeben. “Wenn das natürlich ist, dann sagen Sie mir
bitte, an wen ich mich wenden muss.”
Ich bekam eine Wegbeschreibung zum Bauamt und machte mich wieder auf die Socken.
Das Bauamt lag etwa 200 m entfernt vom Amt für Gewerbeangelegenheiten, in dem es
keine Gewerbescheine gibt. So ließ ich das Auto stehen, um den Weg zu Fuß
zurückzulegen. Leichtsinnigerweise ließ ich mich dazu hinreißen, keinen weiteren
Parkschein zu ziehen.
Ich betrat das imposante alte Gebäude in dem mir schon von Weitem eine
grellgelbe Hinweistafel mit der Aufschrift: ‘Information Bauamt’ ins Auge
sprang. Beherzt klopfte ich an die Tür, doch niemand bat mich herein. Es kostete
mich etwas Überwindung unaufgefordert einzutreten, aber ich war fest
entschlossen, heute noch ein Erfolgserlebnis zu bekommen. So öffnete ich die
Tür, trat ein und fand mich mitten in der Stadtdruckerei wieder. Das Bauamt sei
in die erste Etage gezogen, brüllte mir ein telefonierender Herr zu, nachdem ich
ihm zuvor, gegen den Lärm der Maschinen, meine Anliegen entgegengebrüllt hatte.
Er deutete mit dem Zeigefinger an die Raumdecke. Ich bedankte mich überglücklich
dafür, dass ich eine Information über das Bauamt bekommen hatte, und machte mich
auf die Suche nach dem neuen Standort. Glücklicherweise fand ich schon bald auf
der oberen Etage eine weitere Tür, an der ein Schild mit der Aufschrift:
‘Planungsamt’angebracht war. Da auch das Planungsamt Bauanträge ausgibt, klopfte
ich an, bekam jedoch auch hier keine Antwort. Drinnen hörte ich jemanden
lautstark telefonieren. Ich setzte ich mich auf einen der bereitgestellten
Stühle und blätterte in den auf dem Tischchen ausgelegten Broschüren. Eine halbe
Stunde lang hatte ich so Gelegenheit, mich über den rechtlichen Stand von
Grundstücksbepflanzungen und herabhängenden Zweigen auf Nachbars englischen
Rasen zu informieren. Dann endlich öffnete sich die Tür. Ein adretter Herr mit
Frühstückspaket unter dem Arm kam pfeifend heraus. ‘Der wird doch jetzt nicht
fortgehen?’, schoss es mir durch den Kopf. Ich sprang auf und stürzte auf ihn
zu.
„Guten Tag, mich hat das Amt für Gewerbescheine geschickt. Sie möchten mir bitte
einen Bauantrag aushändigen — aber nicht, dass Sie mich falsch verstehen, ich
möchte eigentlich gar nicht bauen, sondern nur in meinem bereits fertig gebauten
Anbau eine Beratungsstelle einrichten”, ratterte ich drauf los, während er sich
am Türschloss seines Büros zu schaffen machte, ohne mich auch nur einmal
anzusehen. Möglicherweise war er hörgeschädigt? Die Stadtverwaltung hatte einige
Arbeitsplätze an Menschen mit unterschiedlichen Handicaps vergeben. So kommt es
schon mal zu Irritationen, wenn man sich diverse verschiedene Formulare für die
Steuer besorgen möchte, an den Schalter tritt und als erstes mit dem
schriftlichen Hinweis „Ich bin schwerhörig - bitte machen Sie sich bemerkbar“
konfrontiert wird. Zugegebener Maßen wird jeder Hörende mit diesem Satz zunächst
an sein eigenes Handicap geführt: Es ist schon fast unmöglich, die verschiedenen
Formulare anhand ihrer Deklarierung zu erkennen und zu unterscheiden. Wie aber
sollte er deren Inhalt lauthals beschreiben, den ohnehin niemand nachvollziehen
konnte?
Gott sei Dank, kam in dem Augenblick eine Kollegin aus der anderen Bürotür, die
mich schon vor einer halben Stunde hatte warten sehen. Sie erfasste die
Situation sofort und legte ein gutes Wort für mich ein, das Herrn Adrett bewog,
seine Tür wieder aufzuschließen. Innerlich jubilierend warf ich der guten Frau
lächelnd einen dankbaren Blick zu. Die Zeichen standen auf ‘Vorwärts’.
Nachdem ich dem adretten Herrn mein Anliegen erklärt hatte, fragte er, ob ich
denn einen Parkplatz für meine Kunden hätte.
„Ja, natürlich, ich habe sogar zwei Parkplätze vor dem Haus. Und in der kaum
befahrenen Seitenstraße sind auch noch etliche Parkmöglichkeiten vorhanden”,
sagte ich fröhlich. Instinktiv spürte ich, dass dies ein wichtiger Punkt und
eine Voraussetzung für die Bearbeitung meines Bauantrages sein würde. Und so war
es. Herr Adrett aktivierte seinen Computer und schüttelte den Kopf.
„Nein, Sie haben keinen Parkplatz.”
Ich riss die Augen auf.
„Wieso habe ich keinen Parkplatz? Als ich heute Morgen losfuhr, hatte ich sogar
noch zwei schöne gepflasterte Parkplätze!”, stieß ich fassungslos aus.
„Nein, Sie haben noch nie einen Parkplatz gehabt — ich weiß zwar, dass dort
Autos stehen, aber diese Autos stehen in Ihrem Vorgarten!”
Mir schoss das Blut in den Kopf. Meine Autos in meinem Vorgarten? Eine
Katastrophe! Mein Vorgarten hat eine Grundfläche von 1,5 qm! Wenn dort
tatsächlich unsere Autos stünden, dann müssten sie zwischenzeitlich von einer
Schrottpresse auf die passende Größe gebracht worden sein! Es konnte sich doch
wohl nicht wirklich um meinen Parkplatz handeln.
„Nein, nein, das muss ein Irrtum sein.”, entgegnete ich mutig. “Mein Vorgarten
ist rechts am Haus und die Parkplätze sind links!” Endlich klärte Herr Adrett
mich auf: „Ihr Parkplatz ist ein ‘Nicht-genehmigter-Parkplatz’, also ist er kein
Parkplatz, sondern bestenfalls ein Pkw-Einstellplatz und dieser liegt in Ihrem
Vorgarten. Sie müssen das verstehen, wenn Sie auf einem
‘Nicht-genehmigten-Parkplatz’ parken, dann behindern Sie beim Ein- und Ausfahren
den fließenden Verkehr! Und der Verkehr ist ein großes Problem in unserer
Stadt.”
Mein Kopf begann zu glühen, meine Hände wurden tropfnass, mein Unterkiefer hing
etwas blöde herunter und ich starrte dem Adretten entgeistert ins Gesicht.
„Abgesehen davon ist es verboten, in Vorgärten zu parken.”, schloss er seine
Ausführungen mit einem völlig unangebrachten Lächeln.
In meinem Kopf war die Hölle los — was wollte mir der Adrette jetzt eigentlich
sagen? Dass genehmigte Parkplätze den Verkehr besser in Fluss halten, doch wohl
nicht, oder? Ich begann zu begreifen, dass Herr Adrett mich indirekt dafür
verantwortlich machte, dass mein ‘Nicht-genehmigter-Parkplatz’ in meinem
Vorgarten, der Grund dafür war, dass es in unserer abgelegenen Straße keinen
fließenden Verkehr gab.
Ich konnte nicht länger so dastehen und ihn anstarren, also klappte ich meinen
Mund langsam wieder zu, zuckte ein wenig mit den Mundwinkeln, um sie in Form zu
bringen, brachte ein verzerrtes Lächeln zustande und hörte mich sagen: „Ja, wenn
Sie mir das von diesem Standpunkt aus erläutern, leuchtet mir das natürlich ein.
Jaaa! Natürlich! Sie haben völlig recht, das ist wirklich ein großes Problem.”
Ich heuchelte Verständnis — machte eine kurze Redepause, um die Wirkung meiner
Worte zu überprüfen und sah, dass Herr Adrett sich entspannt in seinem
Bürostuhl zurücklehnte und mich erwartungsvoll schweigend ansah. Offensichtlich
hatte er mich da, wo er mich haben wollte.
„Was denken Sie, können wir denn da unternehmen?”, bat ich ihn ehrfurchtsvoll
mit sorgenfältigem Gesicht um seinen gnädigsten Rat.
„Tja,”, sagte er nach einer Weile gönnerhaft, “im Grunde steht einer Genehmigung
nichts im Wege. Gehen Sie doch zunächst ein Zimmer weiter. Dort ist das Bauamt,
in dem Sie alle Anträge bekommen die Sie brauchen. Sobald sie die ausgefüllt
haben, geht alles ganz schnell! Heißt es doch bei uns: Gestern gebracht, heute
gemacht! Das ganze Projekt hängt jetzt von der Genehmigung der Stellplätze ab!”
Ohne zu widersprechen, verabschiedete ich mich und verließ kraftlos das Zimmer.
‘Der Mann hat irgendeine Art von Humor’, ging es mir durch den Kopf, aber mir
blieb der Zugang zu Selbigem in meiner Situation verschlossen.
Eine Tür weiter klopfte ich zaghaft, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.
“Herein!”, rief eine Stimme zurück. Ein Fünkchen Hoffnung glimmte in mir auf.
Ich trat ein und vor mir saß ein grau getigerter Pullunder von fünfzig Jahren
mit zehn straff zurückgekämmten Haaren. Auf seiner Nase hing eine Brille mit
zwei eingebauten Lupengläsern, die dafür sorgten, dass seine Augen wie
Tischtennisbälle aus dem fahlen Gesicht hervorzuquellen schienen. Es ging mir
nicht gut bei seinem Anblick. Doch ich wusste, dass meine Ausstrahlung sich auf
mein Gegenüber auswirkt (jedenfalls im richtigen Leben), nahm mich also
noch einmal zusammen und setzte mit flehentlicher Mine ein dezent demütiges
Lächeln auf. Mit langsamen, deutlichen und wohlüberlegten Worten trug ich mein
unverschämtes Anliegen vor und hoffte inständig, dass mir die Güte des
Pullunders weiterhelfen würde. Der Pullunder sah mich stumm an, drehte dann sehr
sorgfältig seinen Bürostuhl um neunzig Grad nach rechts, um anschließend ganz
langsam aufzustehen.
Sein rechter Arm führte seine Hand zu dem schmalen Spalt unter seiner Nase. Eine
kleine rosafarbene Zunge zuckte heraus, und leckte begierig an seiner weißen
Zeigefingerspitze. Dann bewegte sich der Arm in Richtung Regal, fischte ein
DIN-A4 Blatt heraus, führte es nah heran an die Gesichtslupen und legte es nach
einem prüfenden Blick auf die Vorder- und Rückseite, in die linke Hand, die sich
zur Aufnahme des Papiers in eine rechtwinklige Position gebracht hatte.
Anschließend schwebte der Arm wieder mit Bedacht in Richtung des - inzwischen
leicht geöffneten - Spaltes unter seiner Nase, hinter der die rosa Zungenspitze
erregt auf den zu erwartenden Zeigefinger lauerte. Andächtige Stille breitete
sich aus und ich konnte meinen Blick nicht abwenden von all den schönen
Anträgen, die sich dort - hoffentlich für mich - zusammenfanden.
Ein Anflug von Hoffnung keimte in mir! Ich sollte endlich ein Stück Papier zum
Ausfüllen bekommen! Ich hasse es normalerweise Fragebögen auszufüllen, aber in
diesem Augenblick hatte ich das Bedürfnis, meine Freude über das, was da kommen
sollte, auszudrücken und mit einem kleinen Smalltalk die Stille aufzulockern.
„Ach, bin ich froh, dass ich bei Ihnen die richtigen Papiere endlich bekomme.
Wissen Sie, ich bin schon seit Stunden unterwegs, ohne dass mir jemand
weiterhelfen konnte”, plauderte ich und gab mir Mühe, ungezwungen zu wirken, was
in dieser Atmosphäre nicht wirklich gelingen konnte. Ich hielt meine kleine
verbale Geste für ein nettes Kompliment und hatte erwartet, dass er sich
zumindest mit einem Lächeln bedanken würde. Aber nichts dergleichen geschah.
Der Pullunder stapelte Papier in seine linke Hand und schleckte sich dabei
bedächtig die Finger.
Pullunder wurde irgendwann fertig mit dem Stapeln von Papier, übergab mir mit
wichtigem Gesichtsausdruck das kostbare Gut und sprach:
“Füllen Sie die Formulare sorgfältig aus und bringen Sie sie anschließend wieder
zurück.”
Ich rang mir ein Lächeln ab, griff nach den Papieren, bedankte mich
überschwänglich für die prompte Bedienung und verschwand, so schnell ich konnte,
aus dem ehrwürdigen Gebäude. Hinter meinem Scheibenwischer fand ich zu allem
Überfluss ein Knöllchen ...
Ich bin ein ordnungsliebender Mensch, jedenfalls, wenn es um Papiere und
Dokumente geht. So machte ich mich sofort daran, die fünfundzwanzig Fragebogen
auszufüllen und anzukreuzen, Kopien von Grundriss und Lageplan zu fertigen,
beantwortete all die sinnlosen Fragen, so gut ich konnte, und es gelang mir
sogar, zu erklären, weshalb ich gern arbeiten und Geld verdienen wollte und
wieso ich einen Bauantrag stellte, obwohl ich gar nicht bauen wollte.
Mittlerweile war es fast elf Uhr und um zwölf Uhr schloss das Amt. Also schwang
ich mich mit meinem schleunigst angelegten Ordner mit der Beschriftung:
“Bauntrag zur Nutzungsänderungsgenehmigung in Verbindung mit der Genehmigung
eines ‘Nicht-genehmigten Parkplatzes’ zur Erlaubniserreichung eines
Gewerbescheins, ohne Änderung der Räumlichkeiten” in mein Auto, fuhr wie der
Teufel zum Bauamt zurück und klopfte stolz und pflichtbewusst an die
Pullundertür. Ich war mir sicher, dass meine Schnelligkeit Pullunder tief
beeindrucken und erfreuen würde. Zumal sie ein Beweis für meine Disziplin und
Zuverlässigkeit war. Er musste mir jetzt einfach zugetan sein!
„Da bin ich wieder, habe alles so gut ich konnte ausgefüllt und sämtliche Pläne
von den Räumen, an denen ich nichts ändern möchte, dazu gelegt.”, wagte ich
guten Mutes ein einleitendes Gespräch zu eröffnen. Zugegeben, insgeheim hoffte
ich, dass mein prompter Gehorsam und die unverzügliche Ausführung seiner Wünsche
und Anordnungen, Pullunder beeindrucken würden und er mir deshalb wohl gesonnen
sein würde.
Pullunder rutschte mit seinem Bürostuhl an den Tresen, der mich von ihm trennte.
Wie sich noch herausstellen sollte, hatte dieser eine für ihn lebenswichtige
Funktion. Er wies mich an Platz zu nehmen, sodass ich gerade noch mit dem Kopf
über die antike Beamtenschutzsperre schauen konnte. So ähnlich müssen sich
kleine Kinder fühlen, wenn sie sich bei ihrer eigenen Geburtstagsfeier ein
kleines Stückchen von ihrem Kuchen nehmen wollen.
Mir ging es inzwischen wieder besser, hatte ich doch endlich etwas in die Wege
leiten können, jetzt fehlte nur noch der Stempel vom Pullunder, mit dem ich mir
dann meinen Gewerbeschein im Auslagerungsbüro des Amtes für
Gewerbeangelegenheiten abholen konnte. Ab morgen würde ich dann endlich arbeiten
können!
Zunächst aber wollte Pullunder gemeinsam mit mir sehen, ob alles korrekt
ausgefüllt war. Pullunder begann in meinen Papieren zu lesen, sortierte zunächst
fünf Bogen aus und warf sie in den Papierkorb.
“Die hätten Sie nicht auszufüllen brauchen”, kommentierte er mit einem nicht zu
überhörenden ärgerlichen Unterton. Ich verkniff mir die Frage, weshalb er sie
mir mitgegeben hatte. Möglicherweise hätte er mich für patzig gehalten, ein
Verhalten, dass er sicher nicht toleriert hätte.
Pullunder meinte es offensichtlich gut mit mir, arbeitete alle Antworten
gründlich durch und so fand er auch schnell eine kleine Unordentlichkeit in
meinen Unterlagen. Im Lageplan war mein zukünftiger Seminarraum noch als
ehemaliger Wohnraum eingetragen.
„Oh.”, hauchte ich errötend. Ich wagte es sogar, mich sehr vorsichtig ein
kleines Stück von meinem Stuhl zu erheben und einen Blick über den mir
zugewiesenen Horizont zu erhaschen.
„Wenn Sie mir vielleicht Ihren Bleistift kurz ausleihen würden, dann ändere ich
das schnell.” Dabei deutete ich - in der Erwartung, dass er meine Bitte erfüllen
würde - auf den Stift, der neben ihm lag.
„Nein.” Pullunder bewegte fast unmerklich seinen Kopf mit den zehn Speckhaare
hin und her.
„Nein, nein.“, sagte er noch einmal bedächtig und geheimnisvoll.
„Nein?”, fragte ich verunsichert.
„Nein!”, wiederholte er. “Ich gebe Ihnen den Antrag wieder mit nach Hause.”
„Aber nein!” krächzte ich leicht hysterisch aus schweißgebadetem Gesicht. “Ich
ändere das jetzt und hier schnell, dann ist die Sache vom Tisch, ist ja viel
einfacher.” Das aber - war eine völlig unüberlegte, naive Äußerung und ein
Zeichen dafür, dass ich noch immer nicht realisiert hatte, mit wem ich es zu tun
hatte.
Ich Dummkopf hatte nicht bedacht, dass, wenn eine behördliche Sache vom Tisch
ist, man sie nicht mehr bearbeiten kann! Nichts auf dem Schreibtisch zu haben,
bedeutet für einen an sich schon überflüssigen Beamtenposten natürlich auch: Bei
ihm zu Hause kommt nichts mehr auf den Tisch! Dabei spielt es keine Rolle, dass
bei mir nichts mehr auf dem Tisch ist, weil ich arbeitslos bin und verzweifelt
versuche, durch ehrliche Arbeit ein paar Moneten zu verdienen, damit wieder
etwas Essbares auf meinen Tisch kommt. Pullunder konnte ja nicht ahnen, dass er
nur dann etwas auf seinen Tisch bekam, wenn ich etwas auf meinem Tisch hatte,
von dem ich ihm etwas abgeben konnte! Aber wir wollen Pullunder nicht
überfordern. Er konnte schon nicht begreifen, wie ich es wohl fertigbringen
wollte, das Wort ‘Wohnraum’ mal schnell gegen das Wort ‘Seminarraum’
auszutauschen.
„Nein, nein, nein!”
Doch nicht genug damit! Dem Herrn Pullunder gefielen auch meine Formulierungen,
hinsichtlich der Art meines geplanten Unternehmens nicht. Außerdem wollte er
genau wissen, wie viele Personen an meinen Seminaren teilnehmen würden!
Wie um Himmels Willen sollte ich dieser armen Kreatur, die dort so verbissen um
den Erhalt seines überflüssigen Arbeitsplatzes kämpfte, die Prinzipien der
freien Marktwirtschaft erklären? Wenn ich wüsste, wie viele Teilnehmer in meine
Seminare kommen würden — bei Gott, dann könnte ich mir eventuell ein tolles Haus
für diesen Zweck anmieten, für das sämtliche Anträge schon vor Jahren genehmigt
worden waren. Ich sah flehentlich lange und tief in diese mausgrauen Augen —
doch mir wogten nur eisige Kälte und haltlose Leere entgegen.
Nach scheinbar endloser Zeit geschah etwas Unerwartetes. In meinem Ausdruck muss
doch etwas gewesen sein, das Pullunder erreicht hat. Er wandte seinen Blick von
mir ab, um etwas wirklich Großartiges zu tun: Pullunder griff nach seinem
heiligen Bleistift und begann, meine ungenügenden Ausführungen über Sinn und
Zweck meines nicht geplanten Bauvorhabens, zwecks Erreichung eines
Gewerbescheins, der keine Angelegenheit des Amtes für Gewerbeangelegenheiten
ist, neu zu überdenken! Und er legte seine ganze geistige Kraft und Kompetenz in
diese Arbeit! Er setzte zum Schreiben an, hielt inne, setzte wieder an, zögerte
noch einmal, um wieder und wieder seine Gedanken zu formulieren und auszufeilen.
Ich faltete meine Hände. Nein, obwohl ich allen Grund gehabt hätte, ein
flehentliches Gebet zu sprechen, so war dies lediglich der Versuch, meine mit
aller Macht aufsteigenden Gefühle von Wut und Ohnmacht unter Kontrolle zu
halten.
Meine Hände verspürten den Drang, diesem Mann den Bleistift zu entreißen, ihn
von seinem Thron zu zerren, meine Papiere über seinem Haupt zu zerfleddern und
ihn mitsamt seinem lächerlichen Pullunder aufzurippeln und als Knäuel aus dem
dreifach verglasten Fenster zu werfen.
Statt dessen blieb ich regungslos sitzen, während kühlendes Schwitzwasser mir am
Körper herunterlief. Ich wagte kaum zu atmen, aus Angst, eine unerwünschte
Störung in seinem Denkprozess auszulösen. ‘Durchhalten’, hämmerte es in mir. Es
war fast zwölf Uhr und eigentlich hätte Herr Pullunder sich längst mental auf
sein Mittagessen vorbereiten müssen. Es konnte also nicht mehr lange dauern.
Meine Fingerknöchel knackten und waren vom Zusammenpressen schneeweiß, als nach
fast einer halben Stunde fünf komplette Sätze auf meinem Antrag neu formuliert
und umgeschrieben waren! Ich atmete erleichtert aus. “Das war aber nett von
Ihnen!”, stieß ich hervor, “Da brauch' ich nicht noch einmal den Weg hierher
machen!”
„Nein, nein ...”, sprach Pullunder bedeutungsvoll. Ich bildete mir ein, dass
einen kurzen Augenblick lang, ein zynisches Lächeln über sein aschfahles Gesicht
huschte, als er weitersprach: „ich sagte doch schon: Ich gebe Ihnen den Antrag
gleich wieder mit.”
Ich war fassungslos. Leise wandte ich ein, dass ich doch dieses Formular, das er
kompetent perfektioniert hatte, jetzt unterschreiben könne, und dann wären doch
die Papiere dank seiner Hilfe fertig!
„Nein, nein, hier fehlt zum Beispiel noch die Angabe der Quadratmeter.”
Na, das war kein Problem, denn ich hatte sämtliche Baupläne dabei und alle
Zahlenangaben parat. “Vier Mal sieben Meter ist der Raum groß, also genau
achtundzwanzig Quadratmeter.”, teilte ich ihm erleichtert mit und kredenzte ihm
stolz den dazugehörigen Grundriss. Pullunder ignorierte dies aber und schrieb
statt dessen auf meinen Antrag: Seminarraum: X x Y = Z.
„Hier können Sie zu Hause die entsprechenden Zahlen nachtragen.”
Mir fehlten die Worte und selten habe ich mich so ohnmächtig und ausgeliefert
gefühlt — dies konnte nur ein Albtraum sein. Ich machte noch einmal einen
verzweifelten Vorstoß und bat ihn mit sanfter aber gebrochener Stimme, doch
bitte einfach die Zahlen: 4 x 7 = 28 hinzuschreiben.
„Nein, nein”, lächelte Pullunder, "das gehört nicht zu meinen Aufgaben,
normalerweise hätten Sie zu einem Architekten gehen müssen! Aber ich bin ja gern
behilflich.”
Ich schnappte nach Luft, um nicht doch noch die Kontrolle über meine Emotionen
zu verlieren, und krallte mich in dem schwarzen hölzernen Tresen fest. Erst
jetzt bemerkte ich, dass in ihm nicht nur abgebrochene Äxte, Scheren,
Nagelfeilen, Gartenhacken und ausgerissene Fingernägel steckten, sondern auch
einige mehr oder weniger gut erhaltene Zähne, die sich ähnliche Deppen, wie ich,
schon früher ausgebissen hatten.
Und hier, in diesem unerträglichen Augenblick, machte sich meine gute
Kinderstube bezahlt. Ich stand langsam auf, sah einige Sekunden auf das
armselige Häufchen Pullunder hinunter, als mich plötzlich tiefes Mitleid mit
diesem alten Fetzen überkam. Wie er da auf seinem Stuhl hing und jahrein,
jahraus in diesem dunklen miefigen Loch sitzen musste und nichts hatte, als zehn
fettige Haare, einen Altkleider-Pullunder, einen Bleistift und ein kaltes
steinernes Herz, das sich vermutlich schon seit fünfzig Jahren so elendig
fühlte, wie ich mich in diesem Augenblick. Ja, es stieg sogar Dankbarkeit in mir
auf, als ich an all’ die Menschen aus meinem Alltag dachte, über die ich mich
hin und wieder ein wenig ärgerte. Sie erschienen mir plötzlich völlig
unproblematisch und umgänglich. Ich war froh, dass keiner unter meinen Freunden
und Verwandten so ein bedauernswertes Geschöpf war, wie dieses hier.
Nun, einen Architekten hätte ich mir ohnehin nicht leisten können und
möglicherweise hätte ich dann noch zusätzliche Formulare mit nach Hause nehmen
müssen, auf denen ich eine Unterbringungsmöglichkeit für diesen hätte nachweisen
müssen, in der der Herr Nutzungsänderungsarchitekt sich ausgiebig mit meinem
ungeplanten Umbau hätte beschäftigen können.
„Ich bedanke mich herzlich für die Mühe, ohne Sie hätte ich das nicht so
hinbekommen”, hörte ich mich müde murmeln, während ich mich aus dem Zimmer
schleppte.
„Denken Sie daran, dass Sie alles sorgfältig ändern und unterschreiben!”, hörte
ich noch, als ich die Tür hinter mir zuzog. Mir war kotzübel, ich hätte gern
etwas sehr Verbotenes getan.
Aber im Nachhinein, wenn ich's mal recht überlege, hatte ich einen sehr guten
Tag, denn ich bin nicht wegen gefährlicher Körperverletzung im Gefängnis
gelandet, ich weiß jetzt, wie man einen Bauantrag ausfüllt, ich weiß, dass ich
hilfsbereite, unkomplizierte Menschen meine Freunde nenne und vor allem weiß
ich, dass im Bauamt gemauert wird. Nur deshalb heißt es so.
Tag 2. - Punkt neun Uhr stand ich mit
meinen Papieren im Zimmer von Herrn Pullunder, denn seine Bürotür stand offen.
Doch ich war allein. Kein Pullunder weit und breit. Nur seine heiligen Stempel
standen provozierend auf dem Schreibtisch herum und grinsten mich teuflisch
lockend an. Aber wie gesagt, ich hatte ein gutes Elternhaus. Also setzte ich
mich wieder auf meinen Stuhl im Flur und wartete. ‘Es wird ihm doch nichts
zugestoßen sein?’, sorgte ich mich. Dass so ein Pullunder nicht pünktlich auf
seinem Bürostuhl sitzt, wo er doch viele hoffnungsvolle Bauanträge zu bearbeiten
hat, und noch dazu das Büro mit all den wichtigen Unterlagen und Stempeln so
unbeaufsichtigt, für jedermann zugänglich offen stehen lässt, konnte ich mir
einfach nicht vorstellen. Es vergingen fünf Minuten, als ich am Ende des Flures
Schritte hörte. Ich drehte mich um: Ja, er war es! Gott sei Dank gesund und
arbeitswillig.
Ich sah ihm freundlich lächelnd entgegen, um ihm einen Guten Morgen zu wünschen.
Den wünschte ich ihm heute mehr als irgendjemandem sonst. Als er fast auf meiner
Höhe angelangt war und ich den Mund öffnete, da fiel Herrn Pullunder ein, dass
er dringend eine Information in den Unterlagen suchen musste, die er unter dem
Arm trug. So geschah es, dass er mich im Vorbeiblättern glatt übersah,
schnurstracks in sein Zimmer eilte und die Tür hinter sich schloss.
Während ich noch mit geöffnetem Mund dasaß, tauchte Herr Adrett, der die Szene
beobachtet hatte auf, und rief mir im Vorbeigehen lächelnd zu:
„Na! Rein ins Bauamt, abgeben und dann geht's los!” Dabei machte er so eine
eigenartige Schubbewegung mit seinem linken Arm, als wolle er mich auf Trab
bringen. Seine Worte sollten mir wohl Mut und Zuversicht vermitteln. Da ich das
dringend brauchte, nahm ich die Aufforderung dankbar an und stürmte Pullunders
Büro.
Pullunder sah sich schweigend und sorgfältig - lange und konzentriert und
genauestens meine Papiere an, dann holte er unter seinem Schreibtisch ein
Radiergummi hervor und radierte pedantisch seine eigenen Eintragungen vom Vortag
aus meinem Antrag aus. Ich hatte nicht gewagt sie auszuradieren und die halbe
Nacht damit verbracht, mich zu fragen, ob er das von mir erwarten würde oder
lieber selber handhaben wollte. Die Gummikrümel sammelte er einzeln mit dem
Zeigefinger auf, drückte sie zu einem kleinen Klümpchen fest zusammen und legte
dieses zur weiteren Verdichtung — vermutlich, weil er sich daraus ein neues
Gebrauchtradiergummi presste — unter ein dickes verstaubtes Buch mit dem Titel:
“Effektives, rationelles und kostensenkendes Arbeiten für die Bürger unserer
Stadt” aus der Reihe: “Der Deutsche Beamte”, Band I, 2. überarbeitete Auflage,
1877.
„In Ordnung.”, sagte er knapp.
„In Ordnung?“
Ich konnte es nicht glauben! In weiser
Voraussicht hatte ich die Parkuhr draußen schon mal für zwei Stunden gefüttert!
Und jetzt war alles in Ordnung? Sollte schon alles vorbei sein? Ich muss
gestehen, ich war ein wenig enttäuscht, eigentlich hatte ich etwas mehr von
Pullunder erwartet. Nun gut, ich lächelte ihn glücklich an und wartete.
„Gibt es noch etwas?”, fragte mich Pullunder, während ich wartete.
„Naja, ich hätte jetzt gern die Genehmigung, damit ich im Auslagerungsbüro
meinen Gewerbeschein beantragen kann.”, grinste ich verlegen mit hochgezogenen
Augenbrauen und ohne die Zähne wirklich zu öffnen.
Pullunder schob meine Papiere hinten links auf seinem Schreibtisch unter einen
riesigen Berg von Akten.
„Sie bekommen von uns eine Nachricht, wenn es so weit ist”.
Also doch! Pullunder hatte doch mehr drauf, als ich grade noch dachte.
„So? — “Wann denken Sie, wird das sein?”
„Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.” Pullunder schüttelte seinen
nichtwissenden Kopf.
„Na”, versuchte ich es noch einmal, “so ungefähr, ich kann gern in zwei oder
drei Stunden wiederkommen! Das macht mir absolut überhaupt gar nichts aus!”
„Nein, neiiiiin — also vier bis sechs Wochen brauchen wir mindestens für die
Bearbeitung und vorher dürfen Sie auch nicht mit dem Umbau anfangen.”, wagte
Pullunder mir ins Gesicht zu sagen.
„Vier bis sechs Wochen?”, stieß ich ungläubig aus. “Aber es gibt doch nicht das
Allergeringste umzubauen! In diesem Antrag wird nichts beantragt und deshalb
kann auch nichts bearbeitet oder genehmigt werden! Ich muss doch arbeiten und
Geld verdienen, wovon soll ich in der Zeit leben?”, versuchte ich flehentlich
ihn umzustimmen.
„Das liegt nicht in meinem Sachbereich, stellen Sie beim Amt für Soziales einen
Antrag auf einen Kredit.” Sprach's und wendete sich wichtigeren Dingen zu.
Ich war tief enttäuscht von unserem Verwaltungsstaat. Da wollte ich endlich
meiner Arbeitslosigkeit ein Ende machen und hatte eine Möglichkeit gefunden,
mein Brot wieder selber zu bezahlen und nun dies. Auf der Fahrt nach Hause fiel
mir ein, was Herr Adrett mir in Aussicht gestellt hatte: „Gestern gebracht,
heute gemacht!“
Ich beschloss, ihn telefonisch zu kontaktieren, sobald ich meine Fassungs- und
Sprachlosigkeit überwunden hatte, um nach dieser Möglichkeit zu fragen ...
Aus: "Fluffige und andere Zeiten" © g.c.roth
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